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Hämorriden sind alles andere als eine seltene Krankheit – im Gegenteil, man kann sie sogar als Volkskrankheit bezeichnen. Während man früher davon ausging, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland im Laufe des Lebens Erfahrungen mit Hämorriden macht, liegen neuere Schätzungen weit höher. "Inzwischen kann man sagen, dass 70 bis 80% der Bevölkerung irgendwann einmal in ihrem Leben mit hämorridalen Komplikationen konfrontiert werden", betont Lenhard. Hohe Dunkelziffern spielen dabei keine sehr große Rolle mehr – die Bereitschaft der Patienten mit ihrer Erkrankung einen Arzt aufzusuchen ist in den letzten Jahrzehnten erfreulich gestiegen.
Sicher ist langes Sitzen bei der Vorbeugung von Hämorriden nicht förderlich – die Ursache für deren Entstehung ist es jedoch nicht. „Nicht einfach nur "langes Sitzen" – sondern vielmehr "langes Sitzen auf der Toilette" beschreibt die Entstehungsgeschichte von Hämorriden treffend“, erläutert Lenhard. So steht am Beginn der Erkrankung ein gestörtes, von langem Pressen begleitetes Stuhlentleerungsverhalten, oft bedingt durch Verstopfungen. Diese wiederum werden durch langes Sitzen begünstigt, denn Bewegung regt die Darmtätigkeit an. Dennoch ist langes Sitzen alleine "nicht der wichtigste und wesentlichste Grund" für die Ausbildung von Hämorriden, klärt der Experte auf.
"Dieses noch immer verbreitete Vorurteil ist wirklich Quatsch", schimpft Lenhard. Die Körperpflege hat mit der Entstehungsgeschichte von Hämorriden nichts zu tun. Bei manchen Patienten spiegelt sich in diesen Gedanken eine Form von "Schuldgefühlen" wider, die jedoch komplett entkräftet werden können.
Hämorriden sind in den allerseltensten Fällen schicksalhaft. Zwar kann es sein, dass Frauen mit einer entsprechenden Veranlagung nach einer Entbindung unter hämorridalen Komplikationen leiden – in den meisten Fällen jedoch, können Präventivmaßnahmen die Entstehung verhindern. Hierzu zählen in erster Linie ballaststoffreiche Ernährung, ausreichende Flüssigkeitszufuhr und Bewegung. Von entscheidender Bedeutung ist zudem ein richtiges Stuhlentleerungsverhalten. Lange Sitzungen auf der Toilette mit starkem Pressen sollten unbedingt vermieden werden. "Zeitungen und Bücher haben als Lektüre für einen Daueraufenthalt auf der Toilette nichts zu suchen", warnt Lenhard. Der Zeitpunkt zur Darmentleerung sollte zudem den natürlichen Erfordernissen angepasst werden: "Es heißt ja auch schließlich "ich muss mal" und nicht "ich will mal", so der Fachmann.
Wenn es nicht weh tut, können es keine Hämorriden sein
Das genaue Gegenteil ist richtig: "Wenn es weh tut, können es keine Hämorriden sein", erläutert Lenhard. Der Grund dafür liegt in der Beschaffenheit der Dickdarmschleimhaut – diese enthält keine Nerven und ist daher schmerzunempfindlich.
"Hämorriden können, müssen aber nicht bluten", erklärt der Experte. Nur wenn die Schleimhaut, die die Hämorriden überzieht, gereizt wird, kommt es zur Blutung. Das Blut stammt dabei aus den kleinen Versorgungsgefäßen der Schleimhaut. Bleibt jedoch eine Reizung aus, bluten selbst große Hämorriden nicht.
Auch wenn die Häufigkeit der Hämorriden mit steigendem Alter zunimmt, schützt Jungend allein nicht vor deren Entstehung. Junge Menschen, die an Hämorriden erkranken, weisen meist mehrere Risikofaktoren wie Fehlernährung, Übergewicht und Bewegungsarmut auf. Die ballaststoffarme Kost ist dabei meist der Anfang der Krankheitsentstehung: Die Fehlernährung führt zu langen Sitzungen auf dem Klo, das Pressen bedingt die Entstehung der Hämorriden und das Übergewicht bewirkt durch ständiges Drücken eine Überlastung der Beckenbodenmuskulatur, die die Problematik vertieft.
Pflaumengroße Blutgerinnsel außerhalb des Anus, sehr schmerzhaft und nicht blutend – das können nur Hämorriden sein
Wer immer diese Diagnose stellt – er liegt falsch. Hämorriden liegen im Mastdarm und sind mit Schleimhaut überzogen. Sogenannte "äußere Hämorriden" gibt es nicht. "Dieser Terminus ist fachlich falsch", betont Lenhard, "auch wenn er noch immer auf ärztlicher Seite hier und da auftaucht". Meist handelt es sich bei dem beschriebenen Phänomen um eine Analvenenthrombose.
Die Untersuchung auf Hämorriden beim Arzt ist schmerzhaft
"Eine Afterspiegelung, wie sie bei Hämorriden ansteht, ist bei fachmännischer Durchführung niemals schmerzhaft", beruhigt der Experte. Eine örtliche Betäubung ist völlig unnötig. Nur wenn andere Erkrankungen, wie beispielsweise Analfissuren, bestehen, könnte die Untersuchung eventuell mit Schmerzen verbunden sein.
Wenn man die Hämorriden behandeln lässt, ist immer eine Darmspiegelung mit vorherigem Einlauf fällig
Auch hier kann der Experte völlige Entwarnung geben. "Eine Behandlung der Hämorriden ist niemals mit einem Einlauf und einer Darmspiegelung verbunden", versichert er. Schließlich befinden sich die Hämorriden ganz am Ende des Darmrohres und der Eingriff spielt sich damit lediglich im Bereich dieser letzten Zentimeter ab. (cma)
Quelle: BSMO-Interview mit *Dr. med. Dipl.-Psych. Bernhard H. Lenhard, Gründer einer Spezialpraxis für Enddarmerkrankungen in Heidelberg und eines wissenschaftlichen, proktologischen Instituts sowie Pressesprecher des Berufsverbandes und Mitglied der wissenschaftlichen Gesellschaft für Koloproktologie
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