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Die Straße der Siedler

Abbildung: Hannelore Tust - Foto: Uwe Miserius

Die Straße der Siedler

Die Straße der Siedler (Fast eine Liebeserklärung)

Immer in der Mittagszeit dieser Lärm auf der Straße! Keine Chance für ein Schläfchen nach dem Essen! Ausgerechnet vor unserem Haus tobt der Nachwuchs aus den Nachbarhäusern: Geschrei, Ball-Titschen, Rollschuh-Laufen und Kinderlachen.
Hat es mich gestört? Ach nein, so hört sich Leben an. -
Mit dem Schlafen ist es vorbei. Ich lausche noch ein wenig, wohlig ausgestreckt.

40 Jahre ist es her, daß wir Ur-Einwohner im Winter 1953 in die neuen Häuser der "von-Siebold-Straße" der "Bayer-Siedlung" einziehen konnten. 8 Jahre nach Kriegsende, 5 Jahre nach der Währungsreform waren wir voller Mut und Tatendrang, aber ohne Ersparnisse, noch nicht kreditwürdig bei den Banken.
Aber es bestand die Möglichkeit für Bayer-Werks-Angehörige, die eine zehnjährige Dienstzeit bei der Firma nachweisen konnten und das 30. Lebensjahr überschritten hatten, über die Bayer-Wohnungsgesellschaft eine Hypothek zu bekommen und die Möglichkeit, sich um den Bau eines Siedlungshauses zu bewerben.
Wir hatten das Glück, unter vielen Bewerbern für dieses Projekt ausgelost zu werden.

Wer war "Herr von Siebold"? Schließlich würde von nun an sein Name den unsrigen auf der Adresse begleiten. Wir machten uns kundig:
Philip Franz von Siebold, geb. 1796, gest. 1866. Ein Leben als Arzt, Forscher und Lehrer aus Begabung, Neigung und Leidenschaft, ein Phänomen an Vielseitigkeit und Bescheidenheit, als Pionier in Japan, das damals vor der übrigen Welt noch so gut wie verschlossen war.
Als Mitbringsel von seinen Forschungsreisen verdanken wir ihm unter anderem die Blütenpracht der Pfingstrosen, Clematis und Chrysanthemen.
Danach fragte uns jedoch niemand beim Schreiben unserer Adresse, aber immer wieder: “von Siebold” mit "d" oder "dt", "VON", klein oder groß geschrieben?

Schon den ganzen Sommer 1953 über waren wir zu der riesigen Baustelle der neuen Siedlung hinausgepilgert, mit Fahrrad und dem 2-jähringen Sohn im Körbchen. Wir freuten uns über die Größe der ausgeschachteten Bodenfläche auf unserem Grundstück, über die Mauern, als sie aus der Erde herauswuchsen, immer höher wurden, bis man die Konturen der Zimmer erkennen konnte. Durch die großen Fensterlöcher schauten wir auf die Bauwüste um uns herum.
Sonntags zeigten wir stolz unseren Freunden den zukünftigen Besitz. Wir stellten uns dorthin, wo dereinst die Terrasse entstehen sollte und machten Pläne für fröhliche Feste.
Spaziergänger kamen vorbei und fragten hämisch: "In diesem Schächtelschen wollen sie wohnen?"
Mit roten Ohren und trotzigen Augen antworteten wir: "Es kommt doch noch eine Etage drauf!"
Nein unsere Vorfreude auf das halbe Doppelhaus ließen wir uns nicht verderben, schließlich hatten wir uns auf ein unübersehbares finanzielles Abenteuer eingelassen. Wirtschaftswunder? Wir bastelten gerade daran.
Garagen waren nicht vorgesehen. An ein eigenes Auto wagte niemand zu denken. Eine Teppichstange stand seitlich am Haus. Für ein Telefon war ein Rohr im Haus verlegt worden, aber keine Leitung auf der Straße. Was wollen "Siedler" mit einem Telefon?

Wir lernten unsere neuen Nachbarn kennen. Die meisten waren mehr als 1O Jahre älter als wir. Sie hatten Schulkinder und sorgten sich um deren Schulwege. Aber es gab keinen Grund zur Sorge: in der Nähe war eine prächtige Schule im Bau. Man setzte starke Hoffnungen auf Nachwuchs der jungen Familien in der neuen Siedlung.
Obwohl die "Pille" noch nicht erfunden war, erfüllten wir die Erwartungen nicht. Die Schule war stets unterbelegt.

Die Kirche, für deren Bauverein wir von unserem mageren Budjet monatlich DM 1.-- abzwackten, wurde ein Kunstwerk, aber sie war selten bis auf den letzten Platz besetzt.
Jedoch ihr neuer Kindergarten entlastete die putzwütigen neuen Hausbesitzerinnen.
Unsere Nachbarn machten Pläne, wie sie ihre Möbel stellen würden. Sie sprachen von Chippendale oder Eiche, furniert und massiv. Die meisten hatten schon vor dem Krieg geheiratet,
hatten Möbel kaufen können und sie über die schweren Zeiten gerettet.
Wir lauschten stumm bewundernd. Unsere Möbel waren nicht der Rede wert, zusammengesuchtes Zeug. Nur durch geschicktes Verteilen konnten wir die neuen Räume möblieren. Tabellen stellten wir auf: eine kleine über das, was wir besaßen, die weitaus größere für Neuanschaffungen.

"Von-Siebold-Straße" klang edel, war aber zur Zeit unseres Umzugs im Dezember 1953 ein erschreckender Streifen Matsche. Der junge Hausherr wurde an seine Soldatenzeit in Rußland erinnert. Wir erreichten die Haustür nur über einen lose gelegten schwankenden Steg.
Unsere Nachbarn hatten schon einen Herd-Anschluß und wärmten unsere vorgekochte Erbsensuppe auf. Das schaffte eine freundliche Basis für die nächsten Jahre. "Nachbarschaftshilfe" war und ist nicht nur ein Wort in unserer Siedlung.

Im Frühling forderte der Garten sein Recht. Eine Schlammwüste befand sich hinter unserem Haus. Die Kinder blieben mit ihren Gummistiefeln beim Spielen darin stecken und schrieen entsetzt um Hilfe.
Ein Bauer zog auf gemeinsame Bestellung seinen Pflug quer durch das Gelände, das noch nicht durch Zäune zerschnitten war und ebnete den einstigen Waldboden, auf dem noch Brombeergestrüpp und andere wilde Gewächse uns das Bearbeiten unmöglich machten.
Die Halde Mutterboden hinter den Terrassen mußte gleichmäßig verteilt werden, dann erst konnte jeder seinen Garten gestalten: mit Lineal und preußischer Beet-Ordnung oder nach freiem Natur-Empfinden.
Endlich erhielt die von-Siebold-Straße ihren Asphalt-Belag, den einfachsten und "wetterfühligsten", eben recht für Siedler. Noch heute vereist er bei leichtestem Frost, und wir Alten und die Autos kommen ins Rutschen. Gehwege hatten wir nie.
Unserer Straße erging es wie jeder anderen. Kaum war sie fertig, wurde sie wieder aufgerissen, damit die Telefonleitung gelegt werden konnte. Heute, nach 40 Jahren erinnern ihre Flicken an einen Streifen mit Patchwork-Muster.
Unsere Kinder erlebten sie gern im Schnee und banden ihre Schlitten aneinander zu einer langen Reihe. Sie unterteilten die Straße im Sommer mit bunter Kreide in Hüppekästchen und Verkehrslinien für Roller, Rollschuhe und und Puppenwagen, bis ihre Eltern die ersten Autos anschafften. Die Teppichstangen mußten den neuen Garagen weichen. Staubsaugervertreter machten inzwischen gute Geschäfte in unserer Straße.....
Am Fronleichnamstag wurde die Straße mit selbstgenähten weiß-gelben oder weiß-blauen Wimpeln für die Prozession geschmückt. Festlich sah sie aus. Auf dem großen Platz an ihrem Ende wurde ein Altar aufgebaut. Die Anlieger liehen für die Plattform ihren Wohnzimmerteppich aus.
Irgendwann wurde jedes Haus zu klein und für moderne Anforderungen immer wieder umgebaut. Keines ist mehr so, wie es früher mal war.
Freud' und Leid gab es in der Straße, ein kleines Abbild der großen Welt.
40 Jahre, eine glückliche, arbeitsreiche Zeit des Wiederaufbaus und bescheidenen Wohlstandes.
Die Straße, die so nah bei den Schrebergärten, dem Friedhof und dem Wald friedlich in der Sonne liegt, die vor Blüten und Grün überquillt, ist ein beliebtes Ziel für Spaziergänger geworden.
Viele Siedler sind in den 40 Jahren von uns gegangen.
Gestern wurde unser stets hilfsbereiter Nachbar beerdigt. Die neuen Anwohner, die sich heute nicht mehr "Siedler" nennen, haben ihn mit uns auf seinem letzten Weg begleitet.
Ich lausche dem Spielen und Lachen ihrer Kinder, draußen vor unserem Haus.
Das vertreibt die Erinnerung an den Klang des Totenglöckchens aus meinen Ohren.

Von Hannelore Tust, 15.12.2003

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